Dienstag, 29. Mai 2012

Burg Reichenberg

Im Landkreis Würzburg gibt es einen Ort, der vielleicht für Pferdefreunde bekannt ist, aber ansonsten kaum den Weg von Touristen findet. Der Ort heißt Reichenberg und wird von einer hübschen Burganlage dominiert, die durch die Treppengiebel ihrer Gebäude auffällt. Die Burg selbst ist so klein, daß sie fast in keinem Burgführer aufgelistet ist.
Das Gebiet um Reichenberg ist dabei eigentlich lokalpolitisch höchst interessant.


Grundriß der Burg , rechts ist die Vorburg zu sehen.Der nördliche Wohntrakt stammt aus dem 17. Jh. , nordöstlich am Hauseck ist ein hübscher Erker aus dem Jahr 1615 (vermutlich aus der Bauzeit dieses Gebäudes)Der südliche Wohnabu wurde im 18. Jh. verändert. Er hat barocke Fensterrahmen. Das westliche Tor scheint erst im 17. Jh. gebaut worden zu sein, vorher war der Zugang im Osten.Ein früherer Zwinger, der in Resten noch erhalten ist, stammt vermutlich aus dem 15. Jh.

Nahe bei Hattenhausen, einem bereits im Frühmittelalter existierenden Weiler (das spätere Reichenberg), läßt Konrad, ein mutmaßlicher Sohn des Reichsministerialen Konrad v. Stollberg (Burgruine im Steigerwald), eine Burg errichten. 1223 nennt er sich Konrad v. Reichenberg. Möglicherweise wurde Reichenberg als Druck- und Demonstrationsmittel kaiserlicher (staufischer) Macht vor die Nase des wankelmütigen Würzburger Bischofs Otto v. Lobdeburg gesetzt. Dieser war zwar seit Dezember 1212 auf Seiten der Königswähler von Friedrich II., war davor aber Parteigänger des Welfenkaisers Otto.
Reichenberg kann als Vorsichtsmaßnahme angesehen werden, um Bischof Otto und seine Nachfolger auf Spur zu halten.


So sieht man die Burg noch heute über dem Ort thronen. Die Aufnahme stammt von 1911




Wenn man von Nordost kommt, etwa nach einer Wanderung, kann man diesen romantisch anmutenden Anblick erleben, sofern nicht gerade Autos dort stehen, denn hier im ehemaligen Graben ist ein Parkplatz für Besucher der Burg, die dort zu geschäftlichen Angelegenheiten kommen, an Seminaren teilnehmen oder beim nahen Pferdehof reiten.


Südtrakt. Vom Ort aus geht ein steiler, aber schöner Trampelpfad nördlich an der Burg vorbei und südlich eine alte auch sehr steile Landstraße, von der aus ich dieses Foto machte.


Burgzugang, bewacht von zwei Wolfsköpfen


Links hinter dem Eingang wird man auch von einem Ritter begrüßt. Es ist Wolf Bartholomäus Wolfskeel zu Reichenberg, +1605


Oder Burschi begrüßt einen. Naja, er war kurz mal interessiert und schaute mal, wer da kam ...


Hofansicht mit dem Nordtrakt, 1911


Der südliche Wohntrakt

Konrad v. Reichenberg verstarb anscheinend kinderlos, denn bereits vor 1271 saß ein Ritter namens Hildebrand v. Seinsheim (mächtiges Geschlecht aus dem Steigerwald) auf der Burg. Er verkaufte die kleine Anlage 1271 an Konrad v. Hohenlohe. Die Hohenlohe besaßen Reichenberg bis 1345 an Würzburg. Erst jetzt war die Burg, die vor den Toren der Stadt liegt, im Besitz der Bischöfe von Würzburg. Sie hatten schon im 13. Jh. eine Gegenburg namens Guttenberg in der Nähe Reichenbergs gebaut.
1365-1378 gab es noch ein Intermezzo mit den Brüdern Heinrich und Luitpold v. Speckfeld (Burgruine im Steigerwald). Die Speckfeld haben die Burg mit allem Drumherum dann an die Herren v. Wolfskeel verkauft. Bis heute und wohl auch in Zukunft besitzt diese Familie die Burg. Der Stammherr der Wolfskeel zu Reichenberg, Eberhard, dürfte stolz sein, wüßte er um diesen Umstand.


Von der Kirche aus gibt es noch einen direkteren Weg hinauf zur Burg. Als wir dort waren, begleitete uns auch ein Eichhörnchen über die Bäume hinweg.


Hoch über einem ist die Burg, wenn man diesen Weg geht.


Mauer des südlichen Zwingers, der vielleicht im 18. Jh. vor den mittelalterlichen Zwinger gesetzt wurde.


Der Eintritt in den Burgbereich selbst ist dann aber nicht mehr so pompös, wie der breite Weg oder der Anblick der Burg über einem: man geht durch eine kleine Holzlattentür.


Als erstes sieht man einen Wohnbau aus dem 18. Jh. für frühere Bedienstete. Heutzutage wohnen hier zwei freundliche Familien.

Leider wurde auch die Burg Reichenberg nicht im Bauernkrieg verschont. 1525 wurde sie verwüstet. Auch 1480 gab es eine Bedrohung. In diesem Jahr führten die Wolfskeel eine Fehde mit den Herren v. Randersacker. Wie es damals so war, wurden aber nur die Dörfer der jeweiligen Herrschaften angegriffen, Vieh weggeführt und Felder zerstört.


Stumpf eines Zwingerturms


Eine schmale Treppe führt vom Zwinger in den Burggarten (privat!)


Alte Scheune an der alten Zwingermauer. Die Scheune selbst steht im Zwinger des 18. Jh. und stammt aus diesem Jahrhundert.


Vor der Hauptburg lag eine große Vorburg, die in ihrem Umfang noch komplett erhalten ist. Dort sind überall Grabsteine der Wolfskeel verteilt.
Die Burganlage kann übrigens gerne besichtigt werden. Bei Gruppen auch auf Anfrage.Sie wird von einem netten Hund bewacht, der „Burschi“ heißt. Von den Bewohnern konnte ich während meinen Recherchen zur Burg Guttenberg den Grafen kennenlernen. Es ist einer der freundlichsten und warmherzigsten Burgbesitzer, die ich im Laufe der Zeit erleben konnte.



Die Vorburg ist sehr bewachsen. Dieses Foto zeigt ein paar Abstufungen im Areal. Wer weiß, was noch im Boden steckt?


Östlicher Vorburggraben


Das Höhenplateau östlich der Vorburg ist mit Wiesen und Pferdekoppeln angefüllt. Hier und da sind auch Obstbäume zu sehen.


Im verflachten Vorburggraben fand ich gelagerte Steine der Burg und auch Grabsteine der Familie v. Wolfskeel.



Vorburgplateau mit einem interessanten Grab, das mich neugierig macht. Wer ist hier so schlicht begraben worden?






Die Vorburg ist zu einer Grablege der Wolfskeel mit Bänken und Zierbüschen umgestaltet worden. Im Dorffriedhof selbst ist auch ein Familiengrab von imposanter Machart.



Über die heutige Zeit gibt es einen schönen Artikel in der Main Post, unserer Hauptzeitung von Mainfranken:
Adelsgeschichten aus Schloss Reichenberg
Warum das urfränkische Adelsgeschlecht auch heute noch Schlossherr ist Schloss Reichenberg im Landkreis Würzburg war 1629 Schauplatz einer Hexenverbrennung, die der Schlossherr zu verhindern suchte. Wolf Bartholomäus Wolfskeel brachte dem „Wolffskeel-Ländle“ den protestantischen Glauben. Heute sorgt Schlossherr Christoph von Seydlitz-Wolffskeel für umweltfreundlich geheizte Schlossräume.

Weit über 800 Jahre können die Woffskeels ihren Stammbaum zurückverfolgen. Das Schloss in Reichenberg erwarb Ritter Eberhard von Wolfskeel 1376 als Lehenssitz. Seitdem nennt sich die Familie, die zum fränkischen Uradel zählt, Wolfskeel von Reichenberg. Reichenberg wurde zum Hauptsitz im „Wolffskeel-Ländle“ südlich von Würzburg, zu dem bald auch Rottenbauer, Hattenhausen, Lindflur, Albertshausen, Uengershausen und Geroldshausen als Lehen gehörten.
Heute dient der Nordbau im Renaissance-Stil mit Fachwerkteilen aus dem 17. Jahrhundert der Familie von Seydlitz-Wolffskeel als Wohnhaus. Im Gewölbekeller des Südflügels, der zu den ältesten Teilen der Schlossanlage gehört, finden ab und zu Konzerte statt.
Schloss Reichenberg liegt dominant auf einem Felssporn über Reichenberg, und die Herrschaft der Wolfskeels prägte die Gegend über Jahrhunderte. Etwa, als Wolf Bartholomäus Wolfskeel (1535 – 1605) in der Zeit der Gegenreformation Streit mit dem mächtigen Würzburger Fürstbischof Julius Echter bekam und schließlich mit seiner Familie um 1580 dem protestantischen Glauben beitrat. Weil damals des Fürsten Glauben auch der des Volkes sein musste, sind seitdem die Dörfer im Wolffskeel-Ländle überwiegend evangelisch-lutherisch.
Besonders dramatisch spitzten sich die Auseinandersetzungen zwischen dem katholischen Hochstift Würzburg und den evangelischen Wolfskeels zu, als Hans Erhard von Wolfskeel sich schützend vor die Tochter eines Uengershäuser Schäfers stellte. Der vom Hexenverfolgungswahn getriebene Bischof Philipp Adolf von Ehrenberg ließ dem Mädchen unter der Folter ein Geständnis abringen, das sie der Hexerei überführte. Erhard wurde gezwungen, die Verbrennung der angeblichen Hexe im Schlosshof von Reichenberg zu vollziehen.
Wie sein Vorbild Wolf Bartholomäus übernahm auch Christoph von Seydlitz-Wolffskeel die Verantwortung für sein Erbe bereits als knapp 18-Jähriger von seiner Mutter, Gräfin Emma-Sophie (1921 – 2000). Die begeisterte Reiterin machte Schloss Reichenberg zu einem Zentrum des Reitsports. Das Schloss ist seitdem Lebensaufgabe und Verpflichtung für Christoph und Karin von Seydlitz-Wolffskeel, die für die Restaurierungsarbeiten 1997 mit der Denkmalschutzmedaille des Bayerischen Kulturministeriums ausgezeichnet wurden. Heute wird das weitläufige Schloss mit einer umweltfreundlichen Holzhackschnitzelheizung warm gehalten. Das Holz dazu kommt aus dem eigenen Wald im Guttenberger Forst.
Übrigens: Das zweite „f“ im Namen Wolffskeel erwarb einer der bedeutendsten Familienoberhäupter, Graf Karl, im Dienste des Prinzregenten Luitpold von Bayern. Der erhob seinen treuen und einflussreichen Obersthofstallmeister und engen Vertrauten 1901 in den Grafenstand. Der erhöhte Stand wurde mit dem zweiten „f“ im Namen angedeutet
Eva-Maria Kess, 2008, Mitarbeiterin der Main-Post.



Erker aus dem Jahr 1615


Die gefährdete Ostseite wurde im Mittealter durch eine hohe Mantelmauer beschützt. Am Eck ist noch der Rest eines Rondells erkennbar.


Hochmittelalerlicher Burgzugang. Hier kam man von der Vorburg aus in die Hauptburg. An den Toreinfassungen sind Geschoßeinschläge aus irgendeiner Zeit (17. Jh.?) zu sehen.


Noch ein romantischer Burgblick



Das ist die hochoffizielle Einfahrt zum Schloßbereich. Die Torsteine stammen aus der Barockzeit. Vielleicht war hier einst ein hübsches schmiedeeisernes Tor mit zwei Flügeln.


Eine Katze, die ich beim friedlichen Sonnebad auf Steinen im Burgbach überrascht habe.


Selbstversorgung auf der Burg ist auch heute angesagt: Federvieh im ehemaligen südlichen Vorburggraben.

1 Kommentar:

  1. Was ist eine Burg ohne einen König? Und der feiert morgen beim Bloggertreffen in Würzburg seinen Geblogstag - fühle dich eingeladen zu kommen! :)
    http://wuerzblog.de/2012/05/22/bloggen-und-lesen-treffen-und-feiern/

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