Donnerstag, 26. Januar 2012

Iphofen - Teil I

ir sind gerade dabei, das Kitzinger Umland mitsamt Steigerwald für uns zu entdecken.
Die Region ist hier zu finden.

Jüngst kamen wir dabei zu dem kleinen Städtchen Iphofen. Schande über mich: hier war ich noch nie! Zumindest nicht am Tag und in der Altstadt. Iphofen ist eines DER Aushängeschilder des Steigerwalds und nun endlich waren wir dort – und was soll ich sagen: ich habe mich in das Örtchen verliebt (gegenüber Claudia äußerte ich schon, daß ich am liebsten dorthin ziehen würde).


Die gelbe Markierung zeigt das Einersheimer Tor

Iphofen hat eine komplett erhaltene Stadtmauer – natürlich mit diversen Veränderungen wie Stadtmauerabsenkungen, Turmbeseitigungen oder einer Lücke für die neuzeitlichen Straßenverkehrsbelange.

Oh, wir sind in zwei Tagen jede Gasse hindurch gelaufen, die Augen überall, die Kamera immer bereit. Der erste Tag war grau und kalt und windig; wir machten ein paar Aufwärmstationen: ein italienisches Restaurant (lecker Essen!) am Marktplatz, drei Kirchen (für den kleinen Gruselfreund: Michaelskapelle hat ein Beinhaus). Der zweite Ausflug schenkte uns Sonne und wärmeres Wetter.



Eigentlich ist die Stadt zweigeteilt: in das hohenlohische Gräbenviertel und die um 1300 befestigte und 1349 fertig ummauerte würzburgische Altstadt. Das Gräbenviertel war im Mittelalter lediglich durch einen Graben samt Zaun oder dichter Hecke geschützt und wurde im 14. Jh., als Würzburg dieses Viertel erwarb, mit einer Mauer umgeben (Fertigstellung im 15. Jh.). Die alte, die beiden Stadtteile trennende Mauer existiert noch in Teilen, auch der Graben ist fast ganz erhalten.


Einerhseimer Tor, gezeichnet 1942
Mir als Mittelalterforscher hat es – wie kann es auch anders sein – die Stadtmauer mit den vier erhaltenen Toren angetan. Besonders das Einersheimer Tor im Osten der Stadt ist DAS Schmuckstück für mich, denn es wirkt wie eine kleine Burg für sich. Ich fürchte, ich habe beim eingehenden Betrachten verzückt die Augen aufgerissen und ein wenig Speichelfluß gehabt, oder war es nur eingebildet? Na, jedenfalls war ich eine Weile fort und weg, in anderen Zeiten.


vor 1930




Ansicht von vorne, um 1950 und 2012



Das „Einerßheimer thor“ wird 1422 erstmals erwähnt, dürfte allerdings um einiges älter sein. Die Anlage ist mehrfach umgebaut. Die Tore selbst entstammen der Form nach dem 15. Jh., zumindest wird 1451 der „newe(n) bau“ genannt. Die Fachwerkaufbauten sind dagegen aus dem 16. Jh.
Gerade die komplett erhaltenen Rechnungen und Protokolle sind es, die eine genaue Datierung ermöglichen:
1512 bekam das Tor ein Fallgitter
1551 geben Schultheiß, Bürgermeister und Stadtrat dem Steinmetz Caspar Rotenfelser den Auftrag, eine neue, große Brücke vor und „halber under“ dem Tor , 42 Schuh lang, zu bauen. Auch die Mauer über dem Tor hat er zu verändern bzw. zu erneuern. Sein Lohn sind 28 Gulden.
Dieser Steinmetz hat wohl gute Arbeit gemacht, denn 1557 ist er wieder am Tor beschäftigt, zusammen mit einem Mann namens Hans Butzl. Hier ist ein allgemeiner Ausbau aufgelistet.


Graben und wehrhafte Seitenmauer


Die vermauerte Tür zeigt, wo einmal der Wehrgang der Stadtmauer und wie hoch die Mauer einst war.

Für das Leben mit und um das Tor gibt es auch schöne Berichte. Da ein Stadttor für eine Stadt in früheren Zeiten so immens wichtig war, stellten die Ämter des Torwächters und Türmers besonders verantwortungsvolle und wichtige Tätigkeiten dar. Bei den geringsten Vergehen gab es Kündigungen. Nur auf Anordnung des Stadtrats durften die Tore außerhalb der festen Zeiten geöffnet werden. 1558 verlor ein „Dohrsperrer“ den Schlüssel … blöde gelaufen: er wurde des Amtes enthoben. Ich kann mir vorstellen, wie der arme Mann aufgeregt den Schlüssel suchte und dann mit Magengrummeln ergebnislos den Stadtoberen sein Mißgeschick beichten mußte. Wer kennt das Gefühl nicht?


Blick durch eine Schießscharte zum Eulenturm



Im Kriegsfall war es Aufgabe des Rats, vor dem Öffnen der Stadttore auf diese zu steigen und sich zunächst zu vergewissern, daß keine verdächtigen Haufen vor der Stadt umherziehen.
Man stelle sich vor: da macht ein „Thorschliesser“ gähnend Torflügel für Torflügel auf – und sieht sich einer breit grinsenden Meute mit Waffen gegenüber … Vorsicht ist eben angebracht
So ein Torwächter hatte einen Job,d er ihm kaum eigene Entscheidungen treffen ließ: er bekam genaueste Anweisungen wen und wen nicht er einlassen durfte. Er übte sein Amt in einem Häuschen vor dem Tor aus, wo er auch den Stadtzoll erhob. Die Regel sah vor, daß pro Tor zwei Wächter waren.


Das innere Tor

Türen im inneren Torhaus - und was ist dahinter? Möchte ich noch gerne erfahren!

Am Tor selbst gab es schon 15. Jh. eine Uhr, die vom Torwächter gestellt werden mußte. 155 wurden die Zeiger erneuert. Ab 1577 konnten die Wächter aufatmen, denn es wurden neue Uhren angebracht, die teuer und aufwändig waren. Nun wurden den Torwächtern untersagt, sich um die Uhren zu kümmern, das sollte von nun an spezielle Fachleute machen.
Auch für die Geschütze auf dem Stadttor gab es eigens vom Rat bestimmtes Personal. Jedes Tor hatte übrigens eine Waffenkammer mit dem ganzen Gerüste für die wehrhaften Leute unter den Städtern.
Anläßlich der vier Jahrmarktstermine standen im Tor ein Ratsherr, der Stadtschreiber und der Baumeister und nahmen den Markthändlern, die in die Stadt kamen den kleinen Wegzoll ab.

Seine ganz große Bewährung erhielt das Einersheimer Tor im Jahr 1525. Um Mitternacht , vom 4. auf den 5. April kam ein großer Bauernhaufen von Osten her vor die Stadt und forderte Einlaß.
Drei Bauern kamen vor das Tor und verlangten, in „in bruderlicher liebe“ eingelassen zu werden.
Vom Tor herab kam die ironische Antwort, daß niemand, der in Freundschaft käme, nicht in der Nacht kommen müßte und nicht das Tageslicht zu scheuen bräuchte. Auf den Mauern und dem Tor waren bewaffnete Bürger, ein paar Nervöse unter ihnen feuerten planlos in das Dunkel hinein, wo sie die Bauern gerade vermuteten. Die drei Bauern zeigten Mut, blieben am Tor und baten um Einstellung des Feuers, denn sie seien als Freunde und nicht als Feinde gekommen. Der würzburgische Amtmann Mathern v. Vestenberg, der sich zum Rat auf den Turm gesellte, rief ihnen zu, sie sollen weiterziehen, oder er ließe unter sie schießen, wie man es mit Hühnern machte.

Die Bauern beschlossen daraufhin, im Osten vor der Stadt am Siechenhaus, das direkt am Einersheimer Tor war, zu lagern. Was der Herr v. Vestenberg mit den Bauern machen wollte, geschah nun mit dem Stadtrat: er verwandelte sich in einen aufgescheuchten Hühnerhaufen. Sie fürchteten wegen dem Beschuß die Rache der Bauern Man sandte Reiter gen Würzburg und erbat Soldaten, einen Büchsenmeister und Schießpulver, um den Haufen aus 300 Bauern abwehren zu können.

Die Antwort kam in der selben Nacht noch in Form von einigen Berittenen und einem Büchsenmeister zurück, die prüfen sollten, ob es wirklich so viele Feinde waren (der Bischof ging von höchstens 150 aus) und ob tatsächlich eine Belagerung geplant war. Zusätzlich kamen ein paar Dettelbacher Bürger zur Verstärkung der Iphöfer Bürger.

Um fünf Uhr morgens des 5. Aprils kam ein Bauer vor das Tor und forderte erneut Einlaß. Er bekam eine Abfuhr. Die Bauern zogen daraufhin mit 13 Kriegswagen (darauf befanden sich Waffen und Munition) näher an das Tor und die unmittelbare Stadtmauer heran. Die Bürger eröffneten sofort das Feuer, woraufhin der Bauernhaufen sich in derer drei teilte und flüchtete.
Es gab eine Art Triumphzug durch das Einersheimer Tor, als die Bürger anschließend zwei der zurückgelassenen Wagen voller Rüstzeug, Waffen und der Fahne jubelnd in die Stadt brachten.

Originalton Vestenberg an den Bischof: „Derhalben wir mit dem geschos so hart angehalten, das sy sich uf drey haufen geteilt und die flucht gegeben“. Von Toten oder Verwundeten ist leider nichts zu erfahren.


Noch ein paar Fotos von Bildindex.de aus der Zeit um 1950-57.

1632 gab es noch eine Tragödie, die viele Familien der Stadt zum Verhängnis wurde, namentlich für die Familie eines Ratsherrn. Hinter einem Torflügel des Außentores des Einersheimer Tores steht ein schiefes Steinkreuz, mehrfach geflickt, leider auch unschön mit Zement. Es weist auf die Todesstelle des Ratsherrn hin  der die einrückenden Schweden um Schonung von Stadt und Bürger anflehte. Die Stelle des Kreuzes ist merkwürdig: wenn sie original ist, scheinen schwedische Söldner oder Soldaten den armen Mann in diese Ecke gedrängt und klammheimlich abgestochen zu haben. Es ist aber auch möglich, daß das Kreuz an diese Stelle verlegt wurde, weil es am Tatort störend war. Der Kopf des Kreuzes ist einmal abgebrochen und neu aufgesetzt worden.
(Evtl. erfahre ich noch genaueres, so auch den Namen des Toten).



Die Schweden befanden sich in katholischem Land, in Feindesland. König Gustav Adolf hat seine Soldaten ungehemmt plündern, brandschatzen, morden und vergewaltigen lassen. Psychologische Kriegsführung im 17. Jh., was für Iphofen bedeutete: Verheerung von Stadt und Weingärten; waren es 1623 noch 325 Bürger, so zählte die Stadt noch im Jahr 1673 immer noch nur 136! Erst Ende des 17. Jh. konnte sich die Stadt zu einem Wiederaufbau der zerstörten Häuser aufraffen.


Kommentare:

  1. Hallo - da muss ich einfach mal wieder einen Kommentar hinterlassen. Eure Entdeckungen sind einfach richtig spannend und so wunderbar bebildert, dass ich mir richtig Zeit genommen habe....also mein Frauchen natürlich. Geschichte so zu erleben bzw. nach zu lesen und ihren Spuren zu folgen, muss ein großartiges Hobby sein. Danke!
    Wuff und LG Aiko

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  2. Oh, dankeschön :o)
    Freut mich sehr, daß es jemandem gefällt.
    Hunde sind dafür auch mehr zu begeistern als Katzen. Naja, außer, es finden sich viele Mäuse und Raschelsachen in solchen Objekten^^

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